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60 Jahre Operationen am offenen Herzen: Von den ersten Eingriffen bis zur modernen Herzchirurgie in Deutschland

"Bitte Ruhe - Herzoperation". Herzoperation in der Universitätsklinik für Herz- und Gefäßchirurgie in Leipzig. Vorn: die Herz-Lungen-Maschine, von einem Arzt und zwei Schwestern kontrolliert. Zentralbild Deutsche Demokratische Republik 26.10.1970. Author: Sturm, Horst


Vor 60 Jahren ebnete der Chirurg Ernst Derra (1901 – 1979) den Weg zur modernen Herzchirurgie in Deutschland. Er war zu dieser Zeit Leiter der Chirurgischen Klinik der damaligen Medizinischen Akademie in Düsseldorf. Am 9. Februar 1955 verschloss er einen Vorhofseptumdefekt unter direkter Sicht im Kreislaufstillstand mithilfe der Oberflächenhypothermie. Es war der erste erfolgreiche Eingriff dieser Art am offenen Herzen auf europäischem Festland und er war sehr bedeutend für die nachfolgende Entwicklung der Herzchirurgie in Deutschland.

Während Ärzte in Kanada und den USA bereits Anfang der 50er Jahre an neuen Methoden tüftelten und mit neuen Verfahren wie Oberflächenhypothermie und extrakorporaler Zirkulation experimentierten, steckte die Herzchirurgie im Nachkriegsdeutschland noch in den Kinderschuhen. Ernst Derra und der junge Anästhesist Martin Zinder gehörten zu den ersten in Deutschland, die sich, von den Ergebnissen der Kollegen inspiriert, mit großem Interesse und Begeisterung der Entwicklung anästhesiologischer Verfahren widmeten, die intrakardiale Korrekturen diverser Herzfehler erleichtern konnten. Insbesondere die Oberflächenhypothermie, bei der der Kreislauf für eine Dauer zum Stillstand gebracht wird um ungehindert am offenen Herzen operieren zu können, wurde von Derra und seinem Team angewandt, akademisch aufgearbeitet und standardisiert. Ihrem Pioniergeist und Mut ist es zu verdanken, dass dieses Verfahren bald deutschlandweit angewandt wurde.

Nachdem nun die Entwicklung chirurgischer Techniken ins Rollen gekommen war, gelang einem Kollegen Derras nur drei Jahre später ein weiterer gewaltiger Erfolg: Rudolf Zenker operierte 1958 in Marburg erstmals einen Patienten unter Zuhilfenahme einer Herz-Lungen-Maschine. Auch hier wurde sich an Forschungsergebnissen aus den USA orientiert: John Gibbon verfasste in den 30er und 40er Jahren in Philadelphia erste Arbeiten zur extrakorporalen Zirkulation unter Einsatz von Herz-Lungen-Maschinen und operierte 1953  erfolgreich am menschlichen Herzen. Danach verbreitete sich dieses Prinzip für die operative Therapie von Herzfehlern und kam schließlich nach Deutschland, wo es unter anderem von Ernst Derra weiterentwickelt wurde.

Die Standardisierung dieser Verfahren war ein Meilenstein in der Behandlung von angeborenen Herzfehlern in Deutschland. Sie eröffnete vielen Patienten die Chance auf eine normale Lebenserwartung und sorgte für die Emanzipation der Herzchirurgie von anderen chirurgischen Disziplinen. In den folgenden Jahrzehnten nach der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) 1971 brach die Herzchirurgie aus ihrem akademischen Umfeld der Universitäten aus und operative Eingriffe wurden auch an verschiedenen neu gegründeten Herzzentren vorgenommen. Die DGTHG berichtet: „Heute, 60 Jahre nach Derras historischem Eingriff, werden allein in Deutschland jährlich über 100.000 chirurgische Eingriffe am Herzen in knapp 80 verschiedenen Zentren durchgeführt.“

(Quelle: Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie 1 · 2015. „Herzchirurgie im Wandel der Zeit“ von H. Aubin, U. Boeken, A. Lichtenberg)