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Kompetenznetz Mitteilungen Nr. 02/2010

In eigener Sache

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

auf der 42. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK) in Weimar hat das Kompetenznetz Angeborene Herzfehler gezeigt, welche beeindruckenden Früchte die Zusammenarbeit zwischen Deutschlands Kinderkardiologen trägt. Es wurden Forschungsergebnisse aus der Genetik, der klinischen Kinderkardiologie, zur Lebensqualität und Bildgebung präsentiert, die international auch hochrangig publiziert werden konnten.


Als Präsident der DGPK bin ich nicht nur deswegen hochzufrieden, sondern auch weil wir es geschafft haben, dieses Netz gemeinsam aufzubauen. Wir besitzen jetzt einen Datenschatz, von dem wir als Kliniker und Forscher noch lange profitieren können. Durch das Netz wurde eine exzellente Forschungsplattform geschaffen, die für jeden an angeborenen Herzfehlern interessierten Forscher von großem Nutzen sein kann. Besonders die genetische Forschung auf Grundlage der neu geschaffenen Biomaterialbank stellt den Schwerpunkt für zukünftige Studien dar. Ihre Ideen, Ihr Tatendrang und Ihr weiteres Engagement sind nun gefragt, um das Kompetenznetz mit seinen hervorragenden Strukturen und Voraussetzungen gemeinsam in die Zukunft zu führen.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. med. Felix Berger
Präsident der DGPK

Entstehung angeborener Herzfehler hat eine wesentliche genetische Komponente

Bildquelle: Dmitry Sunagatov - fotolia.com

Wird es zukünftig möglich sein, Herzfehler mit Gentherapien zu behandeln? Diese Frage bringt die Hoffnung zum Ausdruck, die häufig in die genetische Forschung gesetzt wird. Was der heutige Status Quo ist, wurde auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK) in Weimar vorgestellt. PD Dr. Sabine Klaassen, Projektleiterin im Kompetenznetz Angeborene Herzfehler und Wissenschaftlerin am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), präsentierte die Ergebnisse von zwei Forschungsprojekten, die sich mit den molekulargenetischen Grundlagen von angeborenen Herzfehlern (AHF) beschäftigen. Im Rahmen dieser Projekte wurde eine Biomaterialbank mit derzeit ca. 700 DNA-Proben aufgebaut, die eine genaue Phänotypisierung der Patienten und ein logistisches System zur Sammlung und Asservierung von Blutproben beinhaltet.

Eines der Forschungsprojekte beschäftigt sich mit den „Familienbasierten Untersuchungen zur Identifikation von genetischen Ursachen angeborener Herzfehler“ und wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. 300 DNA-Proben von 65 Kernfamilien wurden gesammelt und untersucht. Erste Analysen von Kandidatengenen bei 31 Indexpatienten mit linksventrikulärer Ausflußtraktobstruktion sind am MDC in Zusammenarbeit mit Frau A.-K. Arndt und Herrn Prof. H.H. Kramer, Kinderkardiologie der Universitäts-Kinderklinik Kiel, durchgeführt worden. Es wurden mehrere Sequenzvarianten gefunden, deren Vorhandensein im Familienzusammenhang jedoch auf eine polygene Vererbung hindeutet. Weitere molekulargenetische Untersuchungen zum Nachweis von „Copy number variations“ und Exomsequenzierung bei familiären AHFs sind geplant.

Das zweite Forschungsprojekt verfolgt die Identifikation von Sequenzvarianten in einer Kohorte von 160 Patienten mit verschiedenen AHFs, die durch einen „unterentwickelten Ventrikel“ gekennzeichnet sind. Ca. 400 Kandidatengene, die mit der Herzentwicklung oder AHFs in Verbindung gebracht wurden, werden derzeit mittels neuer Technologien „Next generation sequencing“ in dieser Kohorte untersucht. Das KN AHF ist dabei Partner in dem von der Europäischen Gemeinschaft geförderten Projekt „Heart Repair“, mit Kooperationspartnern in Amsterdam, Newcastle und Berlin. Als Pilotstudie zu diesem Projekt konnten bereits Mutationen in dem Gen β-myosin heavy chain (MYH7) bei Patienten mit Ebsteinscher Anomalie identifiziert werden. Da Mutationen in diesem Gen auch für Kardiomyopathien verantwortlich sind, wird deutlich, dass Mutationen in denselben Genen sowohl zu Kardiomyopathien als auch zu AHFs beitragen können. Für die Patientengruppe mit Ebsteinscher Anomalie haben diese Ergebnisse schon Relevanz: die betroffenen Patienten und deren Familienangehörige können genetisch und kardiologisch beraten werden.

Eine Publikation erscheint in Kürze:
Alex V Postma, Klaartje van Engelen, Judith B van de Meerakker, Thahira Rahman, Susanne Probst, Marieke JH Baars, Ulrike Bauer, Thomas Pickardt, Silke R Sperling, Felix Berger, Antoon FM Moorman, Barbara JM Mulder, Ludwig Thierfelder, Bernard Keavney, Judith Goodship, and Sabine Klaassen: Mutations in the Sarcomere Protein Gene MYH7 in Ebstein's Anomaly, Circulation: Cardiovascular Genetics, 2010

Der Artikel ist für registrierte Nutzer online abrufbar.

Lebensqualität von Patienten mit angeborenem Herzfehler

Aus Studien ist bekannt, dass die Lebensqualität von Patienten mit angeborenem Herzfehler (AHF) erstaunlich gut ist und sich, vor allem in psychosozialen Belangen, nicht von Gesunden unterscheidet. Es besteht nur eine schwache Beziehung zu der bei vielen Patienten deutlich reduzierten körperlichen Leistungsfähigkeit. In einer Kompetenznetzstudie zur sozialen Situation von Patienten mit AHF (LesSiE) konnte gezeigt werden, dass Patienten häufiger Teilzeit beschäftigt oder gar arbeitslos sind. Eine gute Ausbildung ist aber ein wichtigerer Faktor für eine bessere Lebenszufriedenheit als bei Gesunden.

Bildquelle: Rudi401 - photocase.com


Auch im salutogenetischen Ansatz der Krankheitbewältigung, der in der CoalaH-Studie untersucht wurde, konnte gezeigt werden, dass die Verstehbarkeit, Bedeutsamkeit und Handhabbarkeit des Herzfehlers einen hohen Einfluss auf die Lebensqualität hat. In einer weiteren Studie zur Depression zeigte sich, dass depressive Symptome viel seltener auftreten als bei Gesunden. Wenn sie auftreten, haben sie jedoch einen deutlich höheren Stellenwert für die Lebensqualität als kardiale Funktionsergebnisse wie z. B. der Ergometrie.

Kompetenznetzstudien zur Sexualität bei 536 Frauen und 332 Männern mit AHF zeigen, dass gerade bei schweren Herzfehlern sexuelle Kontakte und auch Lebensgemeinschaften erst verspätet begonnen werden. Die Furcht vor kardialen Symptomen ist hoch, tatsächliche Symptome bei sonst asymptomatischen Patienten sind jedoch selten. Wenn sie aber auftreten, haben sie einen großen Einfluss auf die Lebensqualität.

Zusammenfassend lässt sich aus den Untersuchungen folgern, dass bei Patienten mit AHF die objektiven kardialen Messergebnisse kaum mit der Lebensqualität – insbesondere den psychosozialen Belangen – in Zusammenhang stehen. Die Patienten schöpfen ihre kaum eingeschränkte Lebensqualität eher aus einer guten Bildung, einem guten freundschaftlichen und familären Umfeld und aus einer ausgeglichenen Psyche.

Werden Sie Mitglied!

Bildquelle: Sergio Hayashi - fotolia.com

Das Kompetenznetz Angeborene Herzfehler e. V. nimmt neue Mitglieder auf. Dies wurde am 4. Oktober 2010 auf der ersten Mitgliederversammlung des Vereins in Weimar beschlossen. Jeder in der Forschung des Kompetenznetzes aktive Wissenschaftler sowie juristische Personen können die ordentliche Mitgliedschaft beantragen.

Mitglieder haben u. a. ein Recht auf die Nutzung der Infrastruktur des Netzes und des Vereinslogos und können im Rahmen der Mitgliederversammlung ihr Stimmrecht wahrnehmen. Die Mitgliederversammlung ist zuständig für die Wahl des Vorsitzenden und einem Teil des Lenkungsausschusses, die Änderung der Satzung und vieles mehr.

Natürliche Personen müssen einen Beitrag von 50 Euro im Jahr, juristische 250 Euro bezahlen. Weiterhin gibt es die Möglichkeit einer assoziierten Mitgliedschaft oder einer Fördermitgliedschaft.

„Wir freuen uns über neue aktive Mitglieder, die die Zukunft unseres Netzes mitgestalten möchten“, so der Sprecher des Kompetenznetzes Prof. Dr. Hashim Abdul-Khaliq.

„Nur wenn man besser versteht, kann man besser helfen“

Im Interview: Dr. med. Okan Toka, kinderkardiologische Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen, über die genetische Forschung zu angeborenen Herzfehlern und die Biomaterialbank des Kompetenznetzes.


Herr Dr. Toka, in einem aktuellen Projekt mit dem Kompetenznetz untersuchen Sie die genetischen Ursachen der sporadischen Aortenisthmusstenose. Was genau wollen Sie herausfinden?


In 90 Prozent der Fälle tritt die Aortenisthmusstenose sporadisch auf, in etwa 10 Prozent im Rahmen von komplexen Fehlbildungssyndromen wie beispielsweise dem Ullrich-Turner-Syndrom, das auf eine chromosomale Aberration der Geschlechtschromosomen zurückzuführen ist. Hier fanden wir einen Ansatzpunkt für unsere Forschung. Tatsächlich konnten wir mehrere Kandidatengene auf den Geschlechtschromosomen identifizieren, die wir dank der Förderungen durch die Deutsche Stiftung für Herzforschung in einem Patientenkollektiv von 99 Patienten auf kausale Mutationen untersuchen. Wir konnten bis dato zwei neue Genmutationen identifizieren. Damit können wir hoffentlich einen wertvollen Beitrag zur multifaktoriellen Genese der Aortenisthmusstenose leisten.

Sie selbst haben schon vor einigen Jahren mit dem Aufbau einer Biomaterialbank am Universitätsklinikum Erlangen begonnen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Wir haben die Rekrutierung seit 2007 GCP-konform in die Klinikroutine integriert und konnten so inzwischen 700 Biomaterialproben von allen vier Kammern und großen Gefäßen im Rahmen von Korrekturoperationen sammeln. Natürlich haben wir nur Material kryokonserviert, was im Rahmen der notwendigen Operationen entfernt werden musste. Außerdem haben wir inzwischen 700 DNA-Proben von Patienten mit angeborenen Herzfehlern unterschiedlichster Formen. Die Integration der Biomaterialbank in die klinische Routine halte ich für sehr wichtig, da dadurch die erste wichtige Brücke zwischen der Klinik und der Grundlagenforschung geschlagen wird.

Wo steht die genetische Forschung für angeborene Herzfehler aus Ihrer Sicht heute?

Wir wissen, dass die Genetik angeborener Herzfehler hochkomplex ist. Vermutlich können einerseits mehrere Genmutationen zum gleichen Phänotyp führen und andererseits ein und dieselbe Genmutation auch verschiedene Fehlbildungen am Herzen verursachen. Hier spielen sicherlich sogenannte Modifier-Gene eine Rolle. In der Vergangenheit hat das dazu geführt, dass traditionelle Methoden der Mutationsanalyse nur begrenzt erfolgreich waren. Häufig scheitert ein qualitativ hochwertiges Forschungsvorhaben aber auch an der mangelnden Verzahnung von Klinik und Grundlagenforschung. Ich bin davon überzeugt, dass eine umfangreiche nationale Biomaterialbank und der intensive Austausch zwischen den kinderkardiologischen Zentren im Lande erheblich zur Verbesserung der Grundlagenforschung im Bereich angeborener Herzfehler in Deutschland beitragen können.

Welchen Nutzen erhoffen Sie sich von der genetischen Forschung angeborener Herzfehler für die Zukunft?

Nur wenn man besser versteht, kann man besser helfen. Die Ziele eines umfassenden modernen kinderkardiologischen Betreuungskonzeptes sind die Erlangung eines besseren Verständnisses über die Entwicklung angeborener Herzfehler und somit die Optimierung von Diagnostik und Therapie angeborener Vitien. Dazu gehört auch die genetische Beratung unserer künftigen Patienten bzw. ihrer Eltern. Durch neue genetische Erkenntnisse können sich signifikante Einflüsse auf die diagnostischen, präventiven und auch therapeutischen Vorgehensweisen bei unseren Patienten ergeben.

Sie engagieren sich in der AG Genetik des Kompetenznetzes Angeborene Herzfehler. Welche Vorteile bietet die Forschung im Netzwerk?

Ich denke, wir müssen die Grundlagenforschung in der Kinderkardiologie vorantreiben. Dafür sehe ich in der AG Genetik des Kompetenznetzes Angeborene Herzfehler eine große Chance. Wenn wir uns auf nationaler Ebene gegenseitig unterstützen – beispielsweise mit Biomaterialproben, strukturellen oder methodischen Standortvorteilen oder schlichtweg mit Know-how – können wir mehr erreichen. Durch die Bündelung von Ressourcen kann unnötige Doppelarbeit vermieden und dadurch kostbares Biomaterial eingespart werden. Denn wir haben die Verpflichtung, mit dem Biomaterial unserer Patienten und den Forschungsgeldern nationaler Förderprogramme sehr verantwortungsvoll umzugehen.

Wir wollen schnell und direkt gezielte Fragestellungen in der genetischen Forschung beantworten können: Die nationale Biomaterialbank und die zentrenübergreifende Vernetzung liefern hierfür eine exzellente Grundlage. Wir unterstützen dieses Vorhaben, indem wir die Erlanger Biomaterialbank der Biomaterialbank des Kompetenznetzes für gezielte wissenschaftliche Fragestellungen zur Verfügung stellen.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Was tun Sie gerne in Ihrer Freizeit, um sich zu erholen?

In der wenigen Freizeit, die mir neben dem Klinikalltag und meinen Forschungsaktivitäten bleibt, versuche ich, so viel Zeit wie möglich meiner Familie zu widmen.

Das Interview führte Katharina Specht.

Im Dialog mit den Patienten: www.herzregister.de

Die neue Website des Nationalen Registers für angeborene Herzfehler ist seit kurzem online. Sie vermittelt Patienten und Angehörigen Nachrichten, Hintergrundwissen und Forschungsergebnisse aus dem Register.

Damit will das Register stärker in den Dialog mit seinen Mitgliedern treten und sie stärker an seiner Arbeit beteiligen. Die Patienten wirken durch ihre Teilnahme an Befragungen und Studien an der Forschung des Registers mit. Auf www.herzregister.de können sie erfahren, welche Ergebnisse dabei herausgekommen sind. Die Plattform dient zusätzlich dem Fundraising, um zukünftige Forschungsvorhaben zu ermöglichen.

 

Zum Launch der Internetseite hat das Register eine Kampagne initiiert und Patienten gebeten, sich mit ihrer Geschichte zu bewerben. Unter dem Motto „Ich bin das Register!“ erzählen nun die ersten Kinder und Erwachsenen, was sie erlebt haben und wie sie mit der Herzerkrankung umgehen. Die Kampagne „Ich bin das Register“ gibt der Forschung des Registers ein Gesicht und zeigt, dass jeder Einzelne zum medizinischen Fortschritt beitragen kann.

Die Webseite bildet den Auftakt für weitere Aktionen, die Patienten stärker in den Mittelpunkt stellen und für Forschung begeistern sollen. Ein wichtiger Baustein für die Zukunft ist ein personalisierter Bereich auf der Webseite: „Mein Herzregister“. In diesem persönlichen geschützten Bereich sollen Patienten zukünftig nicht nur ihre im Register erfassten Daten abrufen und pflegen können, sondern auch Informationen zu den Studien erhalten, an denen sie mitgewirkt haben. Passende Informationsangebote und der Patientenpass können ebenfalls dort abgerufen werden. Dafür hat die Friede-Springer-Stiftung 100.000 Euro zur Verfügung gestellt.

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Kompetenznetz-Mitteilungen Nr. 02/2010 15.12.2010 PDF / 307 KB KN AHF

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