Schwimmen schützt vor der Gefahr des Ertrinkens und fördert die Herzgesundheit. Das gilt auch für Kinder mit angeborenem Herzfehler., iStockphoto.com | SolStock © iStockphoto.com | SolStock

Belastbarkeit und Sport

Schwimmen lernen!

Zu viele Kinder mit angeborenem Herzfehler sind Nichtschwimmer

Wissenschaftlicher Name der Studie

Nationwide Survey Reveals High Prevalence of Non-Swimmers among Children with Congenital Heart Defects

Tauchen, Springen, durchs Wasser gleiten – kaum eine Bewegungsform lässt sich so mühelos erlernen und tut so gut wie das Schwimmen. Der Spaß im Wasser stärkt nachweislich Körper und Immunsystem. Er trainiert den Herzmuskel. Er treibt den Herz-Kreislauf an und setzt wichtige Stoffwechselprozesse in Gang. Auch fördert Schwimmen ein gutes Körpergefühl und das Selbstvertrauen. Hinzu kommt: Wer schwimmen kann, läuft deutlich weniger Gefahr zu ertrinken oder fast zu ertrinken.

  • Gut zu wissen

    Nichtschwimmen kann dramatische Folgen haben

    DLRG-Wasserrettung am Ostseestrand.

    Ertrinken ist die zweithäufigste tödliche Unfallursache bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren. Allein im Jahr 2022 zählte die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Deutschland 355 Tote durch Ertrinken, darunter 46 Kinder und Jugendliche.

    Waren es im Pandemiejahr 2021 deutlich weniger Ertrinkungsunfälle, so wies die Sommerbilanz 2023 des DLRG erneut eine Tendenz nach oben aus.

    2022 machten zudem insgesamt einhundert so genannte Beinahe-Ertrinkungsunfälle eine stationäre Behandlung notwendig. Bei den Kindern und Jugendlichen, die überlebten, traten in etwa 7,5 Prozent der Fälle gesundheitliche Folgeschäden auf. Der Hauptgrund für sämtliche Unfälle: minimales oder gar kein Schwimmtraining bei Kindern ab vier Jahren.

    zuklappen

894 Teilnehmende des Nationalen Registers beantworteten wichtige Fragen

Schwimmen können ist lebenswichtig. Nur: Wie viele Kinder mit angeborenen Herzfehlern erlernen es? Wann beginnen sie damit? Und wie sicher fühlen sie sich im Wasser? Auf Grundlage einer online-basierten Patientenumfrage haben das der Kinderkardiologe Professor Christian Apitz vom Universitätsklinikum Ulm, die Sportwissenschaftlerin Claudia Niessner vom Karlsruher Institut für Technologie, der Fuldaer Kinderkardiologe Professor Jannos Siaplaouras und der Diplompsychologe Paul Helm vom Nationalen Register für angeborene Herzfehler näher untersucht.

894 Teilnehmende des Nationalen Registers haben die Fragen der Forschenden beantwortet. Verglichen wurden die Umfrageergebnisse mit denen einer repräsentativen Vergleichskohorte von 4.569 herzgesunden Gleichaltrigen, die am Motorik-Modul der bundesweiten KiGGS-Studie teilgenommen hatten.

Nicht so gut vertraut mit dem nassen Element wie herzgesunde Gleichaltrige

Die Ergebnisse waren alarmierend, sagt Claudia Niessner: „Grundsätzlich sehen wir bei allen Kindern zu viele Nichtschwimmer. Bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern lag der Anteil der Nichtschwimmer allerdings vier- bis fünfmal höher als in der herzgesunden Vergleichsgruppe. Jedes sechste Kind mit angeborenem Herzfehler ist mit dem nassen Element nicht vertraut, unter den Kindern mit schweren angeborenen Herzfehlern sogar jedes fünfte.“  

  • Gut zu wissen

    Anteil der Nichtschwimmer in Prozent

    Die DLRG rät: Nichtschwimmer sollten immer in Armreichweite beaufsichtigt werden, auch beim Tragen von Schwimmflügeln oder Schwimmwesten.

    4,3 Prozent der herzgesunden Kinder aus der KIGGS-Studie konnten nicht schwimmen. Dem gegenüber waren es bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern mit 16 Prozent nahezu viermal so viele.

    Dabei zeigten sich in der Gruppe der Kinder mit leichten Herzfehlern mit 5,6 Prozent nur geringfügig mehr Nichtschwimmer als in der KIGGS-Vergleichsgruppe. Bei Kindern mit moderaten angeborenen Herzfehlern jedoch lag ihr Anteil bei 18 Prozent, bei Kindern mit schweren angeborenen Herzfehlern sogar bei 20,4 Prozent.

    zuklappen

Mangelnde Bewegung ist das höhere Risiko

Schon eine frühere Studie des Forscherteams brachte ans Licht, dass Kinder mit angeborenen Herzfehlern zu wenig sportlich aktiv sind. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler (DGPK) hat darauf reagiert und die Studie in ihrer Leitlinie „Sport bei angeborenen und erworbenen Herzerkrankungen“ berücksichtigt.

„Dass wir die jungen Patientinnen und Patienten und ihre Eltern entsprechend begleiten und beraten, ist wichtig. Durch Überfürsorglichkeit von ärztlicher oder elterlicher Seite wächst ansonsten bei den Kindern das Risiko dafür, dass sich aufgrund eines Bewegungsmangels Folge- und Wohlstandserkrankungen wie Adipositas sowie Komplikationen entwickeln, an denen sie später viel zu früh versterben“, sagt Professor Jannos Siaplaouras.

Gegen das Schwimmen spricht nur wenig

Gegen regelmäßigen Sport und auch gegen das Schwimmen spräche selbst bei schweren angeborenen Herzfehlern wenig, betont Professor Christian Apitz: „Schwimmen ist eine beliebte Ausdauersportart mit positiven Auswirkungen auch auf die Herz- und Lungen-Funktion. Für die meisten Patientinnen und Patienten mit angeborenen Herzfehlern ist Schwimmen als Freizeitsport ohne Wettkampfcharakter gut geeignet, möglichst in Schwimmbädern mit Bademeisteraufsicht."

Der angeleitete und beaufsichtigte Spaß im Wasser sollte daher allen leicht zugänglich sein. Nur selten sei davon abzuraten. "Insbesondere wenn Kinder zu Ohnmachtsanfällen oder Schwindelgefühlen neigen, etwa bei Herzrhythmusstörungen oder relevanten Restbefunden, sollte zuvor eine fachärztliche Beratung und Abklärung erfolgen“, so der Kinderkardiologe.

Hürden erkennen und abbauen

Schwimmen will früh erlernt sein. Bei den meisten Schwimmerinnen und Schwimmern mit angeborenen Herzfehlern war dies der Fall. Die überwiegende Mehrheit (98,8 Prozent) erlernte das im Alter zwischen vier und 12 Jahren.

"Normalerweise beginnt das Schwimmenlernen ab vier bis sechs Jahren. Das ist allerdings ein Alter, in dem sich kleine Patientinnen und Patienten mit schweren angeborenen Herzfehlern wie zum Beispiel einem Fontan-Herzen öfter einer Operation oder einem Kathetereingriff unterziehen müssen. Das Schwimmenlernen wird dann zu oft aufgeschoben oder schlimmstenfalls ganz übersprungen“, beobachtet Diplompsychologe Paul Helm vom Nationalen Register.

Eine Frage der Gesundheit, der Lebensqualität und des Überlebens

Dabei fördere der Sport nachweislich auch die kognitive, emotionale und psychosoziale Entwicklung. „Das gilt auch bei Behinderungen, so genannten Syndromen, die mit angeborenen Herzfehlern einhergehen. Umso wichtiger sind inklusive Angebote, die Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten nehmen und ihnen die Teilhabe am Schwimmsport mit gesunden Gleichaltrigen ermöglichen“, so Paul Helm.

Weil es davon zu wenige gibt, hat der Bundesverband Herzkranke Kinder e.V. (BVHK) in den vergangenen zwei Jahren Familienwochenenden mit Schwimmunterricht organisiert. „Solche Projekte sollten unbedingt Schule machen und langfristig gefördert werden“, sagt Claudia Niessner. Sorge bereitet den Forschenden auch, dass immer mehr öffentliche Bäder ihren Betrieb aufgrund gestiegener Energiekosten einschränken oder sogar dicht machen. Zudem behindere der Personalmangel an Schulen und Schwimmeinrichtungen den Zugang zum Schwimmunterricht.

Aus Sicht der Forschenden ein unhaltbarer Zustand. Schwimmen können, das sei immerhin eine Frage der Gesundheit, der Lebensqualität und des Überlebens.

  • Wissenschaftliche Details der Studie

    Schwimmen schützt vor der Gefahr des Ertrinkens und fördert die Herzgesundheit. Das gilt auch für Kinder mit angeborenem Herzfehler. © iStockphoto.com | SolStock
    Schwimmen schützt vor der Gefahr des Ertrinkens und fördert die Herzgesundheit. Das gilt auch für Kinder mit angeborenem Herzfehler.

    Erfahren Sie mehr über das Studiendesign, die Materialien und Methoden sowie den Hintergrund der Studie.

    Publikationen

    • 31.5.2023

      Nationwide Survey Reveals High Prevalence of Non-Swimmers among Children with Congenital Heart Defects.

      Apitz C, Tobias D, Helm P, Bauer UM, Niessner C, Siaplaouras J

      Children (Basel, Switzerland) 10, 6, (2023). Diese Publikation bei PubMed anzeigen.


Das könnte Sie auch interessieren:


Diese Seite teilen per ...